versus Hans Dieter Huber
Hans
Dieter Huber
Kunstakademie Stuttgart
Über
das Sammeln, Erhalten und Vermitteln von Bits and Bytes
Vortrag
im Rahmen der Tagung "under construction: art.net.dortmund.de", 19. Mai
2001
Mit der
Entstehung des WWW Ende 1993 /Anfang 1994 entstanden parallel und in schneller
Folge eine ganze Reihe künstlerischer Arbeiten, die auf der Technologie
des Internets und seinen technologischen Bedingungen und Möglichkeiten
basieren. So wie das Internet unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen
stellte, stellte die Kunst, die mit dem Internet und speziell dem WWW
entstand, ebenfalls neue Herausforderungen an die Künstler, die Kritiker,
die Kunstgeschichte, die Ästhetik, die Museologie und die Restaurierung.
Durch die Bedingungen des Netzes forciert,
entstand
ein neuer Typ von Künstler. Da die Hauptfunktion des Internets in
der Ermöglichung lokal ungebundener und nicht hierarchischer Kommunikation
ist, waren es vor allem Künstler oder Künstlergruppen, die an
solchen heterarchischen und remoten Kommunikationsformen in künstlerischen
oder in aktivistischen Kontexten interessiert waren, die sich dieses Medium
sehr schnell zu eigen machten. Künstlerische Mailboxsysteme wie The
Thing, New York, 1991 gegründet, die Digitale Stadt Amsterdam (Jan.
1994), die Internationale Stadt Berlin, das Ljudmila Lab in Ljubljana
gehören in diese frühe Gruppe künstlerisch-aktivistischer
Auseinandersetzung mit dem neuen Medium. Einige dieser Künstler hatten
vorher Videos gedreht, aber nicht alle. Philip Pocock hatte beispielsweise
1988 in New York zusammen mit John Zinsser das Journal of Contemporary
Art gegründet. Zum ersten Mal in der langen Geschichte der Kunst
musste man sich nicht mehr an einen bestimmten Ort begeben, um Kunstwerke
im Original betrachten zu können. Das Original kam nach Hause auf
den Bildschirm. Man konnte sich die Werke aus Kanada, Amerika, Slowenien,
Spanien oder den Niederlanden per Mausklick weitgehend kostenlos zu sich
nach Hause ins gut geheizte Zimmer holen. Zum ersten Mal konnte die lokale
und zeitliche Gebundenheit von Ausstellungen, ihre "site specifity", aufgelöst
und dadurch in Frage gestellt werden. Eine radikale Herausforderung für
jegliche Ästhetik. So verwundert es nicht, dass Vuk Cosic sich sinngemäß
äußert: Wir brauchen keine Ausstellungen von net.art, denn
die Kunst ist bereits ausgestellt - und zwar im Netz. Hier entstehen herausfordernde,
neue Fragen nach der Kontextualisierung und der Einbettung solcher, von
der Institution eines Ortes und einer Zeit, und damit eines großen
Namens unabhängigen Arbeiten. Werke der net.art benötigen zunächst
und zuerst einmal überhaupt keinen Galeristen, keinen Kunstverein,
keinen Kurator, keinen Kritiker, um in der Öffentlichkeit präsentiert
zu werden. Die Distributionskanäle liefen und laufen weitgehend außerhalb
des traditionell etablierten und institutionell vorstrukturierten Kunstsystems.
Dennoch
trafen die Künstler der net.art auf dieses hoch effiziente Kunstsystem,
um das sie entweder wie Katzen um den heißen Brei schlichen oder
- als politische Aktivisten - gar nichts damit zu tun haben wollten, aber
dann doch immer wieder um ihre Anerkennung durch das System buhlten. Es
dauerte im Vergleich zu der rasanten Geschwindigkeit, mit der sich das
Netz entwickelte, sehr lange, bis das Kunstsystem endlich zur Kenntnis
nahm, dass sich hier ein neues Medium etabliert hatte. Dieser Prozess
der Kenntnisnahme ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Die Kunstkritik
konnte sich am schnellsten auf diese neuen Kunstformen einstellen und
in ihrer eigenen Sprache eines tagesaktuellen Jargons wichtige erste Verankerungen
und Kontextualisierungen vornehmen. Kritiker wie Tilmann Baumgärtel,
Josephine Bosma oder Matthew Mirapaul begleiteten von Anfang an mit ihren
schnell erschienenen Interviews, Artikeln und Kommentaren die sich neu
bildende Kunstform. Interessant ist es hier auch, dass in historischer
Sichtweise die Kritiker den Sprung vor die Kuratoren geschafft haben.
Während in traditionellen Ausstellungssituationen und -kontexten
die Arbeit und Funktion der Kritiker erst da beginnt, wo die Kuratoren
ihre Arbeit bereits getan haben, haben wir es hier mit einer umgekehrten
Reihenfolge zu tun. Die Kritiker und Medientheoretiker haben die Kuratoren
von der angestammten Poleposition zunächst auf den zweiten Platz
verwiesen. Welche Veränderungen in der inhaltlichen Verbreitung der
Kunstwerke sich daraus ergibt, wird sich erst noch zeigen.
Die Kunstgeschichte
tat sich da schwerer. Bis auf einige wenige Ausnahmen, gibt es bis heute
in der Kunstgeschichte kaum nennenswerte Beiträge, Forschungen oder
theoretisch-methodische Diskurse. Ein, zwei junge Kunsthistoriker haben
zwar die ersten Magisterarbeiten über das Thema verfasst, und diese
sind sehr wichtige und viel versprechende Arbeiten der frühen Rezeptionsgeschichte
von net.art, aber von Seiten der professionellen Kunstwissenschaft ist
bisher in diesem Bereich sehr wenig zur Kenntnis genommen worden.
Auch die
Institution Museum tut sich entsprechend schwer mit diesem neuen Medium.
In den USA haben die ersten Museen vor etwa zwei Jahren erkannt, dass
es schick ist und im Geschäft mit der Konkurrenz der Ausstellungsinstitutionen
Standortvorteile bringt, wenn man sich eine hippe net.art extension auf
den Webserver seines Museums legt. Es ist wie mit Optionsscheinen oder
Junk Bonds. Man kauft eigentlich nur die Hoffnung oder die Option darauf,
dass man vielleicht irgendwann einmal ein historisches Hauptwerk einer
elektronischen Epoche oder Übergangszeit in Händen halten könnte.
Benjamin Weil war einer der ersten im Netz, der bereits im Februar 1995
mit der Plattform äda'web begann, Künstlern wie Jenny Holzer,
Julia Scher, Doug Aitken und vielen anderen eine Möglichkeit mit
entsprechendem technologischen Fachwissen zur Verfügung zu stellen,
um hervorragende Netz spezifische Werke zu schaffen. Das Walker Art Center
in Minneapolis unter der Leitung des Medienkurators Steve Dietz hat bisher
die überzeugendste kuratorische Arbeit auf diesem Gebiet geleistet.
Steve Dietz veranstaltete 1998 die erste kuratierte Ausstellung zur net.art
und überzeugt bis heute sowohl durch seine konsequente theoretische
wie kuratorische Sorgfalt. Andere Museen wie das New Yorker Guggenheim
Museum oder das San Francisco MoMa folgen diesem Weg.
Deutsche
oder europäische Museen haben die Entwicklung dieses Mediums, mit
Ausnahme von Le Fresnois in Lille und des ZKM in Karlsruhe verschlafen,
welches sich unter der Leitung von Peter Weibel endlich der Geschichte,
Theorie und Ästhetik der Telekommunikationsmedien angenommen hat.
Weder gibt es spezialisierte Kuratoren für Medienkunst noch Grundlagenforschung
zu Fragen der Erhaltung, Konservierung oder Restaurierung digitaler Informationen.
Das Museum als visuelles Display und als Animationsbetrieb gehobener Freizeitunterhaltung
für ein gehobenes Publikum, dem herkömmliche Themenparks zu
primitiv sind, ist durch seine Ideologie des Spektakels zu sehr von kurzfristigen
Medienerfolgen geblendet, als dass es sich langfristigeren Fragen und
Perspektiven widmen könnte.
Von einer
ästhetischen Theorie der net.art ist ebenfalls kaum zu sprechen.
Uns fehlen bis heute überzeugende Analysen zum ästhetischen
Funktionieren von Websites, die eindeutig künstlerische Arbeiten
sind. Es gibt keine Geschichte des Webdesigns, obwohl es sich beim Internet
um ein bedeutendes Wirtschaftsprodukt der New Economy handelt, und es
gibt keine ästhetische Theorie der net.art. Erst in zaghaften Versuchen
artikulieren sich hier wie zarte Frühlingsknospen seit ein bis zwei
Jahren die ersten Argumentationsstränge. Peter Weibel ist als Künstler,
Theoretiker und Ausstellungsmacher seit Jahrzehnten immer wieder einer
der ersten und wichtigsten gewesen, die auf die neuen und veränderten
Dimensionen des Ausstellens unter der Bedingung des Netzes hingewiesen
haben. Seine Unterscheidung zwischen einer Nahgesellschaft und einer Ferngesellschaft
reflektiert bereits erste Konsequenzen der Telekommunikationsgesellschaft
und der Rolle lokal ungebundener Kunstformen in dieser globalisierten
Gesellschaftsform.
Von Sammlern
und Galeristen kann man im Zusammenhang mit net.art eigentlich überhaupt
noch nicht sprechen. Mir sind zwar einige Personen bekannt, die den Versuch
unternommen haben, net.art übers Netz zum Verkauf anzubieten. Aber
es gibt bisher noch so gut wie keinen Markt für dieses Medium. Der
Markt ist der Ort des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage. Das
Angebot ist seit sechs Jahren reichlich vorhanden, aber die Nachfrage
fehlt. Denn erst wo gesammelt und gekauft wird, entsteht ein Markt. Solange
net.art nicht gesammelt wird, wird es auch keinen Markt dafür geben
und folglich auch keine Galeristen, die hier zwischen Käufern und
Künstlern Preis bildend vermitteln.
Wenn diese
Ausführungen also den gegenwärtigen Stand wiedergeben, dann
stellt sich die Frage: Wie geht unsere Gesellschaft gegenwärtig mit
dieser Kunst um? Man kann diese Fragestellung noch weiter umschreiben,
indem man danach fragt, wie möchte denn unsere Gesellschaft gerne
damit umgehen; wie könnte sie damit umgehen, oder noch schärfer:
wie sollte sie damit umgehen?
Net.art
muss zu allererst einmal gesammelt werden, um für die Nachwelt erhalten
zu werden. Wo keiner sammelt, wird auch nichts aufgehoben. Aber was sollte
man sammeln, wie sollte man es sammeln und warum? Es geht meiner Meinung
nach darum, net.art als ein künstlerisches Medium zu begreifen, das
eine Geschichte besitzt, wie alle anderen künstlerischen Medien auch.
Ich schlage daher heute die Historisierung der net.art vor. Denn sie ist
als Kunstform in ihrer heißen Phase schon Vergangenheit. Ich mache
hier an dieser Stelle z.B. keinen Unterschied zwischen einem frühen
anonymen Einblattholzschnitt des 15. Jahrhunderts, einer Zeichnung Michelangelos,
den Kupferstichen Marcantonio Raimondis, den frühen Lithografien
Alois Senefelders, den Celestografien von August Strindberg, den ersten
Videotapes von Nam June Paik und Werken der net.art. Man kann künstlerische
Werke, die verschiedene Einzelmedien der Mediengattung Internet zur Formulierung
ihrer Form benutzen, ohne weiteres aus einer historischen Perspektive
beobachten, beschreiben und einbetten. Diese historische Aufarbeitung
und Einbettung muss aber noch geleistet werden. Wir sollten daher jetzt
konsequent mit der Historisierung der net.art beginnen, denn sie ist nicht
mehr Avantgarde, sondern vergangene Geschichte. Der Net.art-Künstler
Vuk Cosic sagte zu mir in einem leicht melancholischen Unterton während
einer Taxifahrt mit Tempo 100 durch das nächtliche Ljubljana: "I
am history - ich bin Geschichte." Und er hat Recht. Net.art können
wir heute schon als eine sehr spezielle, eng begrenzte, historische Kunstbewegung
in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre begreifen.
Eine genaue
und fundierte historische Quellenrecherche ist das A und O jedes differenzierten
Verständnisses von Geschichte, das Fundament aus Wahrheit oder Lüge,
auf dem man sich bewegt. Man hat es selbst in der Hand, ob man sich auf
einem brüchigen Fundament aus falschen Angaben, schlecht recherchierten
Zusammenhängen und oberflächlicher buzzword theory
bewegen will, um in irgendeiner subkulturellen Subszene zum virtuellen
Star zu werden, dessen Zenit genau so schnell wieder verglüht ist,
wie er aufgegangen ist oder ob wir endlich mal dazu kommen, trotz aller
Hektik und Zeitdruck, in einem Status temporärer Trägheit die
historischen Zusammenhänge genau, in Ruhe und auf differenzierte
Weise zu erforschen. Ich plädiere sehr dafür, nicht nur an Netzkünstler
und Kuratoren zu denken, die zeitlich begrenzte künstlerische oder
kuratoriale Projekte durchführen, sondern auch einer jungen KunstwissenschaftlerIn
ein Forschungsstipendium zur historischen Erforschung bestimmter Aspekte
von net.art zu vergeben. Ich halte das jetzt im Moment für wichtiger
als noch ein neues, subventioniertes artist-in-residence-Programm. Während
wir auf der einen Seite einer Kuratorenschwemme entgegen blicken, wird
immer deutlicher, dass wir durch die staatliche Kahlschlagpolitik in den
Geisteswissenschaften der letzten 10-15 Jahre einem eklatanten Wissenschaftlermangel
entgegen sehen. Es gibt auf diesem Gebiet kaum gut ausgebildeten Nachwuchs.
Net.art
besitzt ebenso wie alle anderen Medien, die jemals erfunden wurden, ihre
medienspezifischen, künstlerischen, sozialen und gesellschaftlichen
Wurzeln und Verbindungen. Es gilt, diese strukturellen Kopplungen und
operationalen Schließungen in einer historischen Recherche und Rekonstruktion
einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Erst eine
genaue historische Recherche kann die Grundlage einer Vermittlungsarbeit
von net.art sein. Indem wir ästhetische, kunst- medien- oder kulturhistorische
Interpretationen einzelner Werke der net.art exemplarisch durchführen,
bereiten wir den Boden für eine historische Einbettung und sprachliche
Vermittlung dieser Werke vor.
Was sollen
wir sammeln, wie sollen wir es sammeln und vor allem, warum sollen wir
etwas sammeln? Fangen wir mit der letzten Frage an. Wir können uns
in jedes beliebige Heimat-, Kunst- oder Industriemuseum begeben. Was wir
dort bewundern, sind individuelle Spitzenleistungen, die Erfindung der
Mona Lisa, des Jacquard-Webstuhls, der ersten Benzin betriebenen Kutsche
der Welt oder des ersten Satelliten in der Umlaufbahn der Erde. Es hilft
uns, unsere kulturelle Identität in unserem sozialen Leben auf diesem
Planeten besser zu verstehen, die geschichtliche Situation, in der wir
leben, besser zu begreifen und unsere kulturelle Identität zu erfahren.
Es ist klar, dass jede museale Konstruktion eine ideologische Interpretation
von Geschichte darstellt. Aber das Problem ist, dass wir keine Ideologie
freie, neutrale Darstellung von net.art geben können. Jede Darstellung
wird von einer bestimmten ideologischen Position aus argumentieren müssen,
und diese Position wird wiederum von einer anderen ideologischen Position
aus angreifbar sein. Die Gegenstände einer materiellen Kultur sind
enorm wichtig für die ästhetische Formulierung einer kulturellen
Identität. Welche Aspekte kultureller Identität würden
sich durch ein Sammeln, Ausstellen und Vermitteln von net.art in Dortmund
formieren und formulieren lassen? Ich lasse die Frage als eine offene
Leerstelle im Raum stehen, so dass sie jeder durch seine eigene Imagination
beantworten kann.
Denken
wir noch einmal über die konservatorische Betreuung und Erhaltung
von Arbeiten der net.art nach. John Ippolito hat am 31. März auf
der variable-media-conference im Guggenheim Museum, New York vier mögliche
Stufen der Konservierung von zeitgenössischer Kunst aufgestellt:
storage, emulation, migration und re-interpretation.
Die bisherigen Konzepte zur Erhaltung digitaler Informationen von Seiten
der Restauratoren sehen im Wesentlichen zwei Methoden vor, nämlich
Migration und Emulation.
Migration
Die Langzeitverfügbarkeit digitaler Informationen durch kontinuierliche
Migration zu erreichen, ist der eher traditionelle Ansatz. Durch Migration
soll erreicht werden, dass Bild- oder Textdateien mit ihren Kontext und
Erschließungsinformationen über lange Zeiträume im Umfeld
der jeweils zeitbezogenen Hard- und Softwareinformation verfügbar
und lesbar bleiben. Technisch geschieht das einerseits durch Auffrischen
der Signale, und andererseits durch kontinuierliche Anpassung der Aufzeichnungsformate
sowie nicht zuletzt durch Anpassung an die zeitbedingt geänderte
Software, wodurch Informationen und die mit ihnen verbundenen Funktionalitäten
zugänglich erhalten werden können.
Emulation
Das Emulationskonzept zur Langzeitverfügbarkeit digitaler Daten wurde
alternativ zum Migrationskonzept von Jeff Rothenberg (1995) vorgeschlagen,
der es für zu unsicher hielt. Prinzipiell beruht das Konzept darauf,
die Funktionalität des Systems in der Zeit, in der sie entstanden
ist, nachzubilden, d.h. es soll eine nicht mehr vorhandene Hardware und
Betriebssystemumgebung so nachgeahmt werden, dass die digitale Information
in ihrer ursprünglichen Softwareumgebung und damit auch in ihrer
ursprünglichen Funktionalität zugänglicher gemacht und
erhalten werden kann. In der Praxis ist es dafür erforderlich, die
digitalen Konversionsformen, Kontextinformationen, Anwendungssoftware
und Betriebssysteme mit den entsprechenden Dokumentationen zusammen zuspielen,
regelmäßig aufzufrischen, und auf jeweils gängigen Informationsträgern
zu stabilisieren.
Man kann
die Frage der Erhaltung auch allgemeiner und weniger technisch stellen
(am Beispiel einer Installation von Dan Graham). Ist es wichtig, dass
der materielle Träger einer künstlerischen Arbeit identisch
erhalten bleibt oder nicht? Kann der materielle Trägerrahmen auch
aus anderen Materialien reproduziert werden? Es gibt Arbeiten, bei denen
sind die Originalmaterialien entscheidend und ein Original unterscheidet
sich genau dadurch von einer Reproduktion oder einer Kopie. Aber es gibt
auch zahlreiche Arbeiten in der Kunst des 20. Jahrhunderts, bei denen
man den materiellen Träger oder Teile davon ersetzen kann und trotzdem
noch das gesamte Werk als Beobachter angemessen erfahren kann. Von solcher
Art würde ich die Installationen Dan Grahams oder Bruce Naumans ansehen.
Es ist für die ästhetische Erfahrung dieser Werke nicht entscheidend,
ob der Schall isolierende Einwegspiegel genau derjenige ist, der 1974
von Dan Graham selbst ausgewählt wurde, oder ob es einer ist, dessen
Schallisolierungswerte und Reflexionswerte dem originalen Spiegel entsprechen.
Entscheidend ist, dass die ästhetische Erfahrung so gemacht werden
kann, wie sie vom Künstler beabsichtigt wurde. In diesem Sinne spricht
Benjamin Weil, Media Curator am SFMoma von der ?conservation of artistic
intent", von der Erhaltung und Konservierung der künstlerischen Intention.
Nun ja, wie kann man Absichten konservieren? Das ist für einen analytisch
ausgebildeten Philosophen eine interessante Frage.
Halten
wir als Zwischenergebnis fest: Es gibt Arbeiten, bei denen die Originalität
des materiellen Trägers für die ästhetische Erfahrung und
die Authentizität des Werkes entscheidend sind. Dies sind Arbeiten,
die im weitestgehenden Sinne auf einer Ideologie der Authentizität
fußen und den Glauben an diese Ideologie für ihr ästhetisches
Funktionieren zwingend benötigen. Bei Arbeiten, die nicht auf dieser
Ideologie der Authentizität operieren, kann der materielle Träger
vollkommen ausgetauscht werden und die ästhetische Erfahrung des
Werkes kann trotzdem gemacht werden. Zu dieser Gruppe von Arbeiten zähle
ich auch die Werke der Net.art. Ferner gehören hier alle Werke hinein,
die in irgendeiner Art und Weise auf einer wie auch immer gearteten Notation
beruhen, seien es Musikwerke, Tanznotationen, Anweisungen zur Ausführung
von Sol Lewitt Wall Drawings, die Stacks von Felix Gonzalez-Torres, HTML-Notationen.
Ihnen liegt eine bestimmte mehr oder weniger genau beschriebene oder syntaktisch
definierte Notation zugrunde, die durch ihre Ausstellung, Präsentation,
Aufführung eine Interpretation erfahren. Der Browser, der die HTML-Notation
einer net.art Arbeit auf der Oberfläche eines Bildschirms darstellt,
stellt eine solche Aufführung bzw. eine orts- und zeitspezifische
Interpretation von net.art dar. Der Browser ist sozusagen der Dirigent
eines ganzen Symphonieorchesters, der eine tote Notation mehr oder weniger
gelungen zum Leben erweckt. Da net.art immer schon aufgrund der Differenz
von Browseroberfläche und Source Code, oder um in Begriffen von Jodi
zu sprechen, von surface und underground, funktionierte, kann die materielle
Erscheinung von net.art beliebig ausgetauscht oder differenziert werden.
Das Entscheidende ist die Konstanz der HTML-Notation, die verschiedenartige,
historische und ortsspezifische Interpretationen und Aufführungen
erfährt und erfahren wird.
Was nun
aber neu hinzukommt, sind zwei Dinge: einmal die breite Distribution und
zum anderen die Konservierung der künstlerischen Absicht. Bei der
Erhaltung Netz basierter Kunstwerke durch eine sammelnde Instanz muss
also ein Umdenken stattfinden. Zusammen mit dem oder den Künstlern
müssen die entscheidenden Parameter einer Arbeit festgelegt werden.
Der Künstler muss in Interviews, Texten, Skizzen und Anweisungen
zusammen mit dem Kurator, dem Kunstwissenschaftler oder Restaurator eine
möglichst präzise Beschreibung derjenigen Parameter geben, die
für ein ästhetisch befriedigendes Funktionieren der jeweiligen
Arbeit auch in Zukunft, in späteren Zeiten, wenn alle Beteiligten
längst das Zeitliche gesegnet haben, sorgt. Der Künstler sollte
sich also von Anfang an Gedanken über die Art und Weise der Konservierung
Erhaltung und Reinterpretation seiner künstlerischen Arbeit aufgrund
einer Dokumentation, einer Notation oder einer genauen Anweisung machen.
Er sollte klar und deutlich aussprechen oder formulieren, welches die
zentralen Kategorien oder Parameter sind, deren Erhaltung für das
ästhetische Funktionieren seiner Arbeit essenziell sind und welche
Elemente, Relationen und Parameter frei variabel bleiben können.
Der Künstler braucht hierzu einen Partner, um diese Parameter festlegen
zu können. Die Frage ist, wer kann dieser Partner sein, und wie sollte
er ausgebildet sein, um dieser Partner sein zu können?
Als Historiker
bin ich gewohnt, in großen Zeitabschnitten zu denken. Nehmen wir
einmal die Zeichnung der delphischen Sybille von Michelangelo. Das Blatt
hat großes Glück gehabt, dass es die 500 Jahre bis heute überstanden
hat. Denn es hätte auch verloren gehen, verbrennen oder aus Versehen
weggeworfen werden können. Das Papier hätte Säuren enthalten
können, die die Zellstruktur der Flachsfaser hätten zerstören
können. Wenn Michelangelo mit Eisengallustinte gezeichnet hätte
wie Johann Sebastian Bach seine Partituren geschrieben hat, oder wie Vincent
van Gogh mit einer billigen, nicht lichtechten Tusche, dann wäre
das Blatt heute auch nicht mehr vorhanden. Menschliche Unzulänglichkeit
ist hier einer der Hauptgründe historischer Substanzverluste. Die
historische Achillesferse einer Michelangelo-Zeichnung liegt also eindeutig
in der Tatsache, dass sie nur ein einziges Mal auf der Welt vorhanden
ist. Dasselbe gilt von Werken der net.art. Sie sind meist auch nur ein
einziges Mal auf einem Server vorhanden. Sicher gibt es irgendwo noch
Backup-Kopien, zuhause oder beim Provider oder bei Alexa in San Francisco.
Jeder von uns weiß exakt, wie schnell und unwiderruflich ein Ordner
oder eine Datei für immer und ewig von unserem Planeten verschwunden
sein kann. Dazu benötigt man nicht einmal einen Mülleimer.
Aber denken
wir ruhig einmal 500 Jahre in die Zukunft. Was wollen wir, dass im Jahre
2501 von unseren heutigen Gedanken, Werken und kulturellen Leistungen
auf dem Gebiete der net.art erhalten geblieben ist? Welches Medium ist
für eine solche Erhaltung am besten geeignet oder besitzt die größte
Wahrscheinlichkeit, dass es auch in 500 Jahren noch verfügbar sein
könnte und verstanden werden kann. Digitale, Computer basierte Arbeiten
scheiden hier völlig aus. Wenn selbst das Nixdorf Museum in Paderborn
aufgehört hat, Software zu konservieren und nur noch die Kunststoffgehäuse
der Rechner als materielle Designobjekte in ihren Vitrinen präsentiert,
dann sollten wir kritisch darüber nachdenken, wie wir net.art der
Nachwelt erhalten wollen. Bei digitaler Konservierung plus Emulation können
wir vielleicht maximal über 10-20 Jahre Verfügbarkeit diskutieren,
aber nicht über 500. Auch Überlegungen zu Open Source Anwendungen
sind hier nur ein kurzes Strohfeuer. Sie stellen keine wirkliche Lösung
dieser Problematik dar. Man könnte cool und zynisch argumentieren:
na ja, manche Arbeiten der net.art sind sowieso nicht besonders gut, macht
also gar nichts. Aber da muss ich als historisch arbeitender Wissenschaftler
einschreiten und sagen: wir könnten uns alle irren. Denn historische
Bedeutung unterliegt einer ständigen Revision. Sie entsteht erst
durch Kontextualisierung. Durch Veränderung und Wandel historischer
Kontexte ändert sich zwangsläufig die Bedeutung eines Werkes.
Da der Wandel unser Gesellschaft permanent und sehr schnell fortschreitet,
ändert sich Bedeutung ebenso permanent und schnell. Die ästhetisch-historische
Bedeutung eines Kunstwerkes ist keinesfalls absolut fixiert. Ganz im Gegenteil:
die Wahrscheinlichkeit, dass wir aufgrund der zeitlichen Nähe und
persönlichen Involviertheit in net.art diese vollkommen falsch einschätzen
und bewerten, ist ziemlich hoch. Dies lehrt ebenfalls ein Blick in die
Geschichte der Kunst.
Sehen wir
uns also einmal die Chancen verschiedener Medien auf historisches Überdauern
an. Ein Ölgemälde hat schlechte Chancen, da es nur einmal auf
der Welt existiert, ebenso eine Stein- oder Holzskulptur. Auch ein Bauwerk
ist nicht sicher davor gefeit, zerstört zu werden oder verloren zu
gehen, denken sie an Abriss, Erdbeben oder Bomben. Bei einer Bronzeskulptur
ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Exemplar erhalten bleibt umso größer,
je mehr Güsse angefertigt wurden. Eine fotografische Abbildung ist
da schon in einer besseren Position. Davon könnten theoretisch bis
zu 40 Abzüge auf Erden kursieren. Sie ahnen vielleicht schon, auf
was ich hinaus will, nämlich auf eine möglichst hohe simultane
Verbreitung an verschiedenen Orten. High scale distribution ist
die dritte Möglichkeit für Erhaltung. Das Medium Buch ist dafür
das geeignetste. Das älteste gedruckte Buch ist die Gutenberg-Bibel
von 1450, die in mindestens 140 Exemplaren auf Papier und 40 Exemplaren
auf Pergament gedruckt wurde. Von der Papierausgabe existieren heute noch,
nach über 550 Jahren 49 Exemplare, während von den Exemplaren
auf Pergament nur noch 4 Exemplare erhalten geblieben sind. Wenn man künstlerische
Werke der net.art also für einen Zeitraum von 500 Jahren für
die Nachwelt erhalten will, sind zuverlässige Dokumentations- und
Notationsverfahren, wie oben erwähnt, anzudenken.
Mai
2001
|